Pflanzenwissen

Pflanzengallen: Alles über die Wachstumsanomalie

Pflanzengallen, auch Cecidien genannt, bezeichnen Anomalien im Pflanzenwachstum, die durch fremde Organismen verursacht werden. Wir erklären, was es mit den auffälligen Geschwülsten auf sich hat, wie sie entstehen und welche Folgen sie haben.

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Pflanzengalle auf einem Blatt
Die Bezeichnung Pflanzengalle geht auf das Lateinische "galla" zurück, was "Geschwulst an Pflanzen und Tieren" bedeutet
Inhaltsverzeichnis

Was verursacht Pflanzengallen?

Pflanzengallen entstehen durch verschiedene Erreger, die nahezu aus dem gesamten Spektrum der Lebewesen stammen. Als die häufigsten Gallerzeuger gelten Bakterien, Insekten, Milben, Pilze und Viren. Insgesamt sind rund 15.000 gallerzeugende Arten bekannt, unter denen Insekten den größten Teil bilden.

Die Gallwespe zählt zu den bekanntesten Lebewesen, die an Pflanzen Gallen bilden. Sie macht mit großen Gebilden auf sich aufmerksam, die sich vor allem an Eichenblättern beobachten lassen und deren Farbe sowie Form häufig sehr auffällig sind. Pilze verursachen hingegen die zweifellos größten Gallen, die etwa den Obstbaumkrebs umfassen.

Andere Erreger bilden unauffällige Gallen, zeigen jedoch ein auffälliges Verhalten. So kommen im Generationszyklus der Spiralgallenlaus (Pemphigus spirothecae) beispielsweise Soldatenläuse vor, deren Verhalten sich als altruistisch einstufen lässt. Sie verzichten auf ihre eigene Fortpflanzung und verteidigen die gesamte Gallenpopulation stattdessen gegen eindringende Feinde, wobei sich Grundzüge einer sozialen Gemeinschaft erkennen lassen.

Insbesondere höherentwickelte Gallerzeuger verfügen über einen Generationenkreislauf, der sich innerhalb eines oder mehrerer Jahre wiederholt. Ein Generationenwechsel geht häufig mit dem Wechsel des Wirts einher oder beinhaltet den Wechsel des Lebensraums am selben Wirt.

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Wie entstehen Pflanzengallen?

Gallwespe und Rosengalle
Gallwespen (l) erzeugen, je nach Art und Wirt, unterschiedliche Anomalien, wie bspw. die Rosengallwespe die haarartigen Auswüchse einer Rosengallen (r)

Die exakte Entstehung einer Galle ist abhängig von der Art, die sie erzeugt. Bei niedrigeren Lebensformen ist bereits die alleinige Präsenz sowie Vermehrung der Parasiten innerhalb der Pflanzenorgane ausreichend, um eine von außen sichtbare Deformation zu verursachen. Höhere entwickelte Lebewesen verfügen hingegen über spezifische Methoden, die ihnen einen gezielten Eingriff in das Wachstum der verschiedenen Pflanzenteile ermöglichen.

Insgesamt variieren die Veränderungen einer Pflanze zwischen zufälligen und gezielten Wuchsanomalien und können bis zur Bildung vollkommen neuer Organe reichen. Diese entwickeln sich aufgrund der gallerzeugenden Erreger aus den bereits bestehenden Pflanzenorganen.

Insbesondere Insekten und Spinnentiere lösen ein gezieltes Wachstum ihrer Wirtspflanze aus, sodass sich um sie herum entweder abgeschlossene oder nicht vollkommen geschlossene Hohlräume bilden. In diesen suchen die Gallerreger Schutz vor Fressfeinden sowie Witterungsbedingungen.

Insekten steuern die Gallentwicklung mit einer Injektion von sogenannten Cytokininen. Indem sie diese in das zu verändernde Pflanzengewebe injizieren, entstehen die charakteristischen Formen von Pflanzengallen. Neben Insekten verwenden insbesondere höherentwickelte Gallerreger Cytokinine, um wachstumshemmende, wachstumssteigernde oder auch allgemein regenerierende Vorgänge innerhalb des Gallgewebes an ihrer Wirtspflanze auszulösen.

Die Gallenbildung läuft allerdings nicht immer nach demselben Schema ab, sondern variiert bei nahezu jedem Gebilde. Gallenerreger verfügen teilweise über einen so großen Formenschatz, dass die Gallen, die eine einzige Art bildet, oft fälschlicherweise verschiedenen Erzeugern zugeordnet wird.

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Welche Arten der Pflanzengallen gibt es?

Arten von Pflanzgallen
Beispiele häufiger Pflanzengallen: Gallapfel (l), Bergulmengalle (m) und Seidenknopfgalle (r) auf der Blattunterseite

Gallenarten kennen ein breites Spektrum an Formen. Die Gebilde lassen sich grundsätzlich in organoide und histoide Gallen unterscheiden. Einige Gallen erlauben hingegen keine eindeutige Zuordnung und weisen Eigenschaften aus beiden Kategorien auf.

Unter organoiden Pflanzengallen verstehen sich Anomalien, die an einem einzelnen Organ der Wirtspflanze auftreten. Sie lassen sich weiter in Blattstellungsanomalien, Formanomalien, Organneubildungen und Verzweigungsanomalien untergliedern. Histoide Gallen bezeichnen des Weiteren die Veränderung von Pflanzengewebe, wobei keine Einteilung in einzelne Pflanzenorgane möglich ist. Zu dieser Kategorie zählen Beutelgallen, Blattfaltungen, Blattrollungen, Markgallen und Umwallungsgallen.

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Filzgallen

Filzgallen entstehen zumeist durch Gallmilben. Diese bilden auf der Epidermis ihrer Wirtspflanze einen Filz, der sich als kleine Haarschicht erkennen lässt. Er dient den Gallerregern als Behausung und bietet ihnen Schutz gegen Fressfeinde und schlechte Umweltbedingungen.

Blattfaltungen und Blattrollungen

Rollen oder Falten sich Blätter, kann auch diese Anomalie Anzeichen einer Pflanzengalle sein. Gallerreger verändern bei dieser Gallenart den natürlichen Blattwuchs, sodass eine Knickstelle entsteht. An diese beginnt das Blattende, sich aufzurollen und bildet in der Folge eine Schutzschicht für den die Galle verursachenden Erreger.

Pflanzengallen dieser Art entstehen entweder aufgrund eines beschleunigten Wachstums der Blattunterseite oder aufgrund eines verlangsamten Wachstums der Blattoberseite. Es entsteht eine für diese Gallenart typische Knickstelle, die eine ovale Faltung auf der Oberseite der Blätter begünstigt.

Da das Ende des gerollten Blattes in der Regel nicht mit der Blattoberseite verwächst und stattdessen nur aufliegt, lässt sich die vom Gallerreger gebildete Schutzschicht einfach öffnen. Sie bietet diesem aber trotzdem eine gewisse Schutzfunktion, die Ihn vor Fressfeinden und widrigen Umwelteinflüssen bewahrt.

Beutelgallen

Bei Beutelgallen entsteht an der Stelle, die der Gallerreger angreift, eine Ausstülpung. Diese wird durch ein Streckungswachstum verursacht, das einen großen Hohlraum bildet und der gallerregenden Art auf diese Weise ein Zuhause bietet. Die Galle ist zumeist vollkommen geschlossen und verfügt nur an der Blattunterseite über eine kleine Öffnung. Mit einer feinen Filzschicht versehen ermöglicht diese einen ausreichenden Luftaustausch und hält Fressfeinde sowie Umwelteinflüsse dennoch von den Gallerregern fern.

Umwallungsgallen

In dem ein Gallerreger auf der Blattoberseite seiner Wirtspflanze einen verstärkten, wulstähnlichen Wuchs verursacht, bilden sich sogenannte Umwallungsgallen. Diese wachsen über dem Erreger zusammen, schließen ihn ein und dienen als Schutzschicht. In vielen Fälle verbleibt lediglich ein kleines Ausgangsloch, dass der Gallerreger verwendet, um die Pflanzengalle nach seiner abgeschlossenen Entwicklung zu verlassen.

Markgallen

Beginnt das Gallenwachstum bei einer Pflanzengalle in den inneren Pflanzenschichten, so wird diese als sogenannte Markgalle bezeichnet. Diese Gallenform lässt sich in freie und geschlossene Gallen unterteilen. Während die Gallerreger das Pflanzengewebe bei einer freien Galle bis nach außen hin durchdringen, beschränkt sich die Wachstumsreaktion der Wirtspflanze bei einer geschlossenen Galle ausschließlich auf das innere Gewebe.

Was passiert mit verlassenen Gallen?

Geöffnete Gundermann-Galle und Gallen der Buchengallmücke
Geöffnete Galle der Gundermann-Gallwespe (l) und Pflanzengallen der Buchengallmücke (r)

Haben die Gallerreger ihre Entwicklung abgeschlossen, verlassen sie die Galle. Dieser Vorgang geht häufig mit einem Generationswechsel einher, der zumeist einen Wechsel der Wirtspflanze oder des Lebensraums an derselben Wirtspflanze umfasst.

In die verlassenen Gallen ziehen häufig Inquilinen ein, denen der Hohlraum als Zufluchtsort dient. Die Galle muss jedoch nicht zwingen verlassen sein, da einige der "Zweitmieter" die Gallerzeuger entfernen oder selbst auffressen. Manche Gallen, die von Inquilinen besetzt werden, zeigen eine deutliche Veränderung ihrer Form. Diese lässt bereits von außen erkennen, ob die Pflanzengalle von ihren Verursachern bewohnt oder von anderen Parasiten besetzt wird.

Neben Inquilinen, die eine Galle nach ihrer Entstehung besetzen, können sich ebenfalls Sekundär- oder Tertiärparasiten innerhalb einer Galle finden. Die Anwesenheit dieser Parasiten bedeutet häufig den Tod des ursprünglichen Gallerzeugers.

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Sind Gallen für eine Pflanze schädlich?

Larve der Buchengallmücke und Insekt in einer Galle
Larve der Buchengallmücke (l) und schlüpfendes Insekt in einer Galle (r)

Dringen gallverursachende Arten in eine Pflanze ein, verursachen Sie eine Art Abwehrreaktion der Wirtspflanze. Es wirkt allerdings so, als würde diesen den Eindringling "umarmen", indem sie einen Hohlraum als dessen Behausung bereitstellt. Der Eingriff des Eindringlings scheint die Pflanze nicht zu stören.

Einige Arten wie die Sattelmücke (Haplodiplosus equestris) oder die Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae), die sich vor allem an Weizen und Weinreben finden, fügen ihrem Wirt massive Schäden zu. Andere Gallerzeuger greifen hingegen nicht messbar in den Stoffwechsel der Wirtspflanze ein. Wieder andere Eindringlinge gehen sogar ein symbiotisches Verhältnis mit ihrem Wirt ein, von dem beide Lebewesen profitieren.

Von einer diese Symbiosen profitieren vor allem Gartenfreunde und Hobbygärtner: Knöchelbakterien erzeugen an den Wurzeln von Hülsenfrüchten wie Bohnen oder Erbsen Bakteriengallen. Diese Wurzelknöllchen ermöglichen einer Verbesserung der Lebensbedingungen für die Wirtspflanze.

So binden die Gallerreger Luftstickstoff mit dem Ziel, diesen in ihrem Wirt verfügbar zu machen. Hülsenfrüchte gedeihen in der Folge auch auf nährstoffarmen Böden und reichern den Erdboden gleichzeitig mit Stickstoff an, den nachfolgende Pflanzen wiederum verwerten können. Mithilfe dieser Gallenart sparen Hobbygärtner sogar an Dünger und tragen sogar zum Schutz von Gartenboden und Grundwasser bei.

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Weitere Informationen

Noch mehr Informationen und Fotos von Gallenerzeugern sowie Pflanzengallen, die vor allem bei der Bestimmung hilfreich sein können, finden Sie auf den folgenden Webseiten:

THEMEN:   Pflanzenschäden Pflanzenwissen


Autor Jennifer Nagel

Über den Autor
Jennifer Nagel

Nach einem redaktionellen Praktikum entdeckte Jennifer ihre Liebe zur Sprache und begann ein Studium zum "Werbetexter und Konzeptioner". Seit 2019 arbeitet sie als freie Texterin und Lektorin und verfasst unter anderem interessante Artikel für unser Gartenmagazin.

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